Gipfelpanorama am Joel - Kitzbueheler Alpen

Interview mit Wettkampf-Skibergsteiger Armin Neurauter

Kategorie: Aktuelles | eingetragen am 21. April 2014 von Christof Simon

Im Wettkampf-Skibergsteigen sind gerade die letzten Rennen zu Ende gegangen. Einer der diese Saison immer vorne mitmischte, war der 34 Jahre alte Armin Neurauter. Der Tiroler belegt den ersten Platz in der Cupwertung des Austrian Skitour Cup (ASTC) und den zweiten Gesamtrang in der Nationalen Rangliste der Askimo. Durch Zufall habe ich Armin Neurauter vor wenigen Wochen bei einer Skitour getroffen. Er ist mir gleich durch seine sympathische und offene Art aufgefallen. Ich erfuhr aber erst danach wer er war und fragte ihn, ob er nicht Lust auf ein Interview hätte. Er willigte sofort bereitwillig ein.
Ein paar Tage später besuchte ich Armin bei ihm daheim im 1800 m hoch gelegenem Weiler Marlstein nahe Kühtai. Wir setzten uns gemütlich in die Stube seines Gasthofes und plauderten über die heurige Saison, über das zeitintensive Training über seine weiteren Ziele und seine Philosophie. Auch den einen oder anderen Trainingstipp hat mir Armin verraten ...

Skibergsteiger Armin Neurauter beim Interview in der Stube seines Gasthofes Marlstein

Skibergsteiger Armin Neurauter beim Interview in der gemütlichen Stube seines Gasthofes Marlstein

Tourenwelt: Armin, machen wir gleich mal zu Beginn einen Rückblick auf die heurige Wettkampfsaison. Im Austria Skitouren Cup bist du auf Platz 1 in der Gesamtwertung und in der nationalen Rangliste auf Platz 2. Du kannst Siege beim "Hecher Speed up" in Schwaz und am Rangger Köpfl für dich verbuchen, dann 2. Plätze bei der Gilfert-Trophy, bei der Hohe Tauern Trophy und beim Rofanaufstieg am Achensee und viele weitere Stockerlplatzierungen. Du kannst heuer wohl von einer mehr als erfolgreichen Saison sprechen. Wie siehst du das?

Armin Neurauter: Diese Saison war sicher für mich extrem erfolgreich. Ich hätte mir nie gedacht, dass es so ausgeht. Ich habe mir zwar einiges vorgenommen, aber dass es zum ersten Platz im ASTC-Cup reicht und dass ich in Österreich so gut dabei bin... es wäre überheblich gewesen wenn ich mir das schon von vornherein zum Ziel gesetzt hätte. Die Vorbereitung war heuer wirklich super, wir haben schon im Oktober Skitouren gehen können, dann war ich im November im Trainingslager im Schnalstal. Da haben wir die Weißkugel und die Finailspitze gemacht, das Höhentraining dort war sehr positiv für die Saison.

Tourenwelt: Apropos Höhe, du wohnst ja hier in Marlstein auch sehr hoch.

Armin Neurauter: Ja stimmt, ich wohne hier relativ hoch auf 1800 m Seehöhe. Das hilft natürlich auch sehr. Man sieht das an meinen Blutwerten, die sehr gut sind. Generell lasse ich mein Blut immer wieder testen, um zu sehen, ob ich müde bin, oder ob ich irgendwelche Infekte habe. Um zurück zu den Ergebnissen zu kommen, die waren wirklich sehr gut, das einzige was mich etwas stört ist, dass ich oft 4. Plätze gemacht habe, bei Rennen wo ich mir mehr erhofft hätte. Aber das ist Lehrgeld, das ich gezahlt habe und ich werde versuchen das nächstes Jahr besser zu machen.

Tourenwelt: Man muss aber auch dazu sagen, dass du bei keinem einzigen Rennen schlechter als vierter warst.

Armin Neurauter: (lacht) ja das stimmt schon, aber Ziel eines Sportlers ist es immer erster zu sein. Das ist schon etwas, das mich immer antreibt. Es ist immer die Suche nach dem eigenen Horizont und dann zu schauen, wie ich diesen noch erweitern kann, von Training zu Training und von Rennen zu Rennen. Ich bin heuer nur 12 Rennen gegangen, weil ich versuche mich gut zu erholen, neben dem oft stressigen Beruf. Ich könnte natürlich auch 20 Rennen machen, aber ich denke, dass das dann eher kontraproduktiv für mich wäre. Lieber 12 gute Rennen aussuchen, bei denen ich mich mit den Besten messen kann. Ich habe eigentlich nur ein Rennen gehabt wo ich nicht in guter Form war, leider war das das Heimrennen, die Wildsaustaffel. Ich habe da Magenprobleme gehabt, trotzdem sind wir dritter geworden, weil mich die Mannschaft herausgerissen hat.

Tourenwelt: Armin, wie bist du eigentlich zum Skibergsteigen gekommen: Welche Sportarten betreibst du noch, zum Beispiel im Sommer?

Armin Neurauter: Ich bin eigentlich über das Radfahren zum Skibergsteigen gekommen. Das Skitourengehen war für mich Mittel zum Zweck, um mich über den Winter fit zu halten. Wir haben in Tirol nicht die Möglichkeit im Winter gut Rad zu fahren. Das Skibergsteigen gab mir die Möglichkeit mit kurzen Einheiten - ein bis zwei Stunden - ein gutes Training zu machen. Und so bin ich immer besser geworden, dann hab ich mir leichteres Material gekauft und bin die ersten Rennen mit gegangen. Ich wurde dann immer besser und irgendwann hab ich dann im Sommer das Radfahren aufgegeben und konzentriere mich nur mehr auf das Skibergsteigen. Im Sommer hab ich letztes Jahr 4 Monate gar nichts gemacht. Das werde ich heuer nicht machen, sondern mich mit ein wenig Berglauf fit halten.

Tourenwelt: Du hast also einen Wechsel vom Rennradfahrer zum Skibergsteiger durchgemacht, bist du glücklich darüber?

Armin Neurauter: Ja sehr sogar, es ist eine wunderschöne Sportart, man hat so viele Möglichkeiten bei uns in Tirol, was will man mehr. Weil ich auf 1800 m Seehöhe daheim bin, musste ich für das Radfahren immer ins Tal fahren, was relativ viel Aufwand war. Beim Skibergsteigen gehe ich direkt von meiner Haustüre weg, das ist ökonomischer und ökologischer (lacht).

Steckbrief Armin Neurauter

Armin Neurauter
Geburtsdatum: 24. Mai 1979
Wohnsitz: Ochsengarten
Beruf: Selbstständig
größte sportliche Erfolge: 3. Platz Ötztal Rad-Marathon 2012
1. Platz Österr. Meisterschaften MTB Cross
2. Platz Österr. Meisterschaften Skibergsteigen
Hobbies: Computer, Kino, Freunde, Radfahren, Laufen, Skifahren
Team: Haglöfs Friends/union-sporthuette.at
Trainer: keinen
Equipment: Fischer, ATK, Scarpa, Haglöfs
Webseite/Blog:http://arminneurauter.blogspot.co.at/

Tourenwelt: Wie schaut für dich ein typischer Trainingstag aus, wie viel Zeit pro Woche musst du investieren damit du optimal für die Wettkampfsaison vorbereitet bist?

Armin Neurauter: Am Anfang - im September - beginne ich mit Grundlagentraining. Grundlagentraining heißt für mich ein Pulsbereich bis 140. Am Anfang ist man ja noch nicht so gut, da gehe ich eher längere Einheiten - so an die 2,5 Stunden und das 4-6 mal die Woche. Nach den ersten 3-4 Wochen erhöhe ich den Grundlagenbereich und mache an die 6 Trainingseinheiten pro Woche und baue auch schon Intervalle ein. Das sind dann schon härtere Einheiten. Wenn die Rennsaison losgeht und gleichzeitig auch die Arbeit in der Schirmbar muss ich mit dem Training zurückfahren. Ich trainiere dann 8 Stunden pro Woche inklusive Wettkämpfe. Von den 8 Stunden sind 3 harte Einheiten und nur 2 leichte Einheiten dabei, d.h ich versuche das Level hochzuhalten, weil es keinen Sinn macht bei 8 Stunden Training nur Grundlagen zu machen.

Tourenwelt: Also das Training in der Wettkampfzeit ist zwar kürzer aber dafür intensiver.

Armin Neurauter: Ja genau, und die anderen zwei übrigen Tage nutze ich absolut zum Regenerieren. Weil oft ist es so, dass ich um 7 aus der Schirmbar komme, bin müde und wünsche mir eigentlich die Couch, gehe aber dann doch noch ein bis eineinhalb Stunden trainieren. Trotzdem muss man dem Körper auch die Chance zur Regeneration geben. Wenn ich mich müde und schlecht fühle, dann macht es keinen Sinn zu trainieren. Da ist es besser ich mache zwei Tage Pause. Wenn die Nase rinnt, kann man zwar trotzdem leicht trainieren, aber wenn man wirklich krank ist und trainiert, kann man sich sehr viel kaputt machen. Da ist es gescheiter man macht vier Tage nichts. Ich habe heuer einmal eine leichte Grippe erwischt, ich habe dann vier Tage nichts gemacht und nur 3 Tage vor dem Rennen leicht trainiert und wurde trotzdem Dritter. Leistungsmäßig hatte ich kaum Einbußen, aber es hätte sicher nicht so gut ausgeschaut, wenn ich krank weiter trainiert hätte.

Auch die Arbeit in der Rezeption gehört für Armin Neurauter zum Alltag dazu

Auch die Arbeit in der Rezeption gehört für Armin Neurauter zum Alltag dazu

Tourenwelt: Armin, du betreibst ja neben dem Skibergsteigen einen Gasthof und eine Schirmbar, hast eine Frau und eine 6 Monate alte Tochter. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

Armin Neurauter: Ich habe das Glück eine große Familie hinter mir zu haben, 10 Leute die in meinem Betrieb sind. Sie geben mir die Chance flexibel zu sein, ich kann Personal einteilen, muss aber natürlich da sein wenn es brennt, sprich wenn viel los ist. Ich arbeite 60 Stunden die Woche im Betrieb, aber wenn Schlechtwetter ist, ist weniger los. Ich hol mir dann die Skier aus dem Keller, nutze die Zeit und gehe schnell eine Skitour. Die Frau ist natürlich auch sehr wichtig, wenn Sie "Nein" zu meinem Sport sagen würde, hätte ich wirklich ein Problem und ich könnte es ihr aber auch nicht verübeln (lacht). Die Kleine ist sehr "pflegeleicht" und ist auch ein Grund warum das funktioniert. Ich habe das Glück, dass das Umfeld passt, dass es sogar von meiner Familie geschätzt wird. Ich muss halt so wie im Training auch bei der Arbeit konsequent sein. Mann muss einfach Spaß an allem haben. Wenn auch nur bei einer der Sachen der Spaß fehlen würde, hätte ich sicher ein Problem (lacht).

Tourenwelt: Als ich dich das erste Mal am Gipfel der Kraspesspitze getroffen habe, bist du mir gleich positiv aufgefallen. Obwohl du offensichtlich gerade im Training warst, bist du stehen geblieben, und hast gleich mit Begeisterung über mögliche Abfahrtsvarianten gesprochen. Bei manchen deiner Kollegen hat man den Eindruck es zählt einzig und allein die Trainingszeit. Am Gipfel wird so schnell wie möglich das Fell heruntergerissen und - ohne der Umgebung auch nur einen Blick zu würdigen - abgefahren. Das Erlebnis am Berg scheint da eher unwichtig. Wie ist eine Philosophie zu dem Thema?

Armin Neurauter: Wenn ich nachts auf der Piste trainiere, da muss ich ehrlich sein, bin ich ähnlich. Ich laufe hinauf, reiße die Felle herunter, fahre schnell herunter. Es ist einfach Training, man muss einfach schnell werden mit den Fellwechseln, man kühlt auch schnell aus. Was man dann genießt, ist eigentlich die Ruhe, die frische Luft, den eigenen Herzschlag. Aber wenn ich Berggehe, sprich ich mache einen Gipfel, dann interessiert mich die Umgebung auch. Ich suche mir gleich die nächsten Ziele aus. Ich will ja dann auch mit Freunden darüber reden, wo ich gewesen bin, was ich erlebt habe. Ich denke es ist ein bisschen ein falsches Bild von den Wettkampf-Skibergsteigern. Ich glaube die Meisten sind ähnlich wie ich. Man trifft sie wahrscheinlich oft im Training und dann zählen eben auch andere Sachen. Die tun das alle schon gerne und genießen auch die Berge. Es ist oft nur ein falscher Eindruck, den vielleicht ein außenstehender Skitourengeher von den Wettkampf-Skibergsteigern gewinnt. Ich glaube die tun das alles zu gerne, um immer nur stur zu trainieren (lacht).

Zufällig trafen wir Armin bei einer Skitour auf die Kraspesspitze

Zufällig trafen wir Armin bei einer Skitour auf die Kraspesspitze

Tourenwelt: Ja da hast du wohl sicher recht. Armin, was würdest du jemanden raten, der mit dem Wettkampf-Skibergsteigen beginnen will. Welche Eigenschaften muss er mitbringen, damit er den Sport erfolgreich betreiben kann.

Armin Neurauter: Also das wichtigste ist, dass er zuerst gut Skifahren kann. Es macht einfach keinen Spaß ein Individual-Rennen zu bestreiten, bergauf gut zu sein und dann alles beim Abfahren zu verlieren. Skibergsteigen ist eine Ausdauersportart, d.h man sollte auch Geduld mit seinem Körper haben. Es geht nicht in ein oder zwei Jahren, es dauert einfach länger. Ab fünf Jahren fängt sich alles an zu verbessern. Das Herz und das Kreislaufsystem muss langsam mitwachsen. Es ist sicher ein Vorteil wenn man als Kind schon Sport gemacht hat, aber man kann das auch erst später anfangen. Ich habe erst mit 24 Jahren mit dem Ausdauersport begonnen und bin erst jetzt nach 10 Jahren auf meinem Höhepunkt.

Tourenwelt: Ich würde sagen du hast sogar noch einige gute Jahre vor dir. Es gibt eine Reihe anderer Skibergsteiger, die deutlich älter sind als du, und trotzdem noch sehr erfolgreich sind.

Armin Neurauter: Ja richtig, wenn ich an Richi Oberndorfer oder Andreas Ringhofer denke, die über 40 Jahre alt sind und sensationelle Zeiten laufen. Ich weiß von Richi, dass der Skitouren geht ohne Ende. Und wenn man es in dem Alter schafft, solche Touren zu machen, dann kann ich nur sagen, das ist ein Traum! (lacht)

Tourenwelt: Zum Schluss machen wir noch einen Blick in die Zukunft. Was sind die Ziele für die nächste Saison?

Armin Neurauter: Aufgrund der letzten Saison möchte ich gern bei der österreichischen Meisterschaft bei beiden Rennen auf dem Podest stehen. Das möchte ich unbedingt versuchen. Vielleicht schaffe ich es zeitlich auch einmal internationale Rennen mitzugehen. Zum Beispiel die Pierra Menta, Mezzalama oder PDG (Anmerk: Patrouille des Glaciers), das wären so Traumziele. Ich werde ab jetzt versuchen jedes Jahr so ein Ding zu machen, ich habe einen guten Partner mit dem Randl Jörg. Diese Rennen wären dann richtig lässig, wo dann 5000 Leute auf den Bergen stehen und uns Sportler anfeuern würden. Ja, Pierra Menta zum Beispiel, jeden Tag 2500 Höhenmeter, extrem steil und das 4 Tage lang. Bei diesen Rennen laufen immer beide Athleten gemeinsam, man muss sich manchmal auch sichern und dann natürlich gleichzeitig ins Ziel kommen. Das wäre eine coole Sache (lacht) oder Sella Ronda, das Rennen ist heuer für uns ins Wasser gefallen, weil der Termin verschoben wurde. Da war dann mein Partner auf Trainingslager auf Grand Canaria. Aber das ist sicher wieder ein Ziel für nächstes Jahr. Ich werde dann auch das Training etwas umstellen müssen, weil das sehr lange Rennen sind. Sonst dauern die Rennen 1,5 bis 2 Stunden, aber wenn es dann bis 3.5 Stunden geht dann muss längere Grundlagen-Einheiten dazwischen einbauen. Aber das ist kein Problem, dann trainiere ich halt bis 11 Uhr am Abend (lacht).

Tourenwelt: Jetzt noch eine letzte Frage. Du verwendest auch einen Herzfrequenz-Messgerät, in deinem Fall eine Suunto Ambit. Was bringt dir das für dein Training, geht es ohne so ein Gerät überhaupt?

Armin Neurauter: Für mich ist das mein täglicher Begleiter, ich hab schon viele dieser Produkte genossen als Radfahrer. Ich bin jetzt auf Suunto gewechselt, weil es ein sehr einfach zu handhabendes Gerät ist. Der Puls ist für mich einfach das um und auf. Mann kann den eigenen Puls nicht wirklich "fühlen", obwohl das viele meinen. Gerade wenn man Intervalle macht, da braucht man einfach so ein Gerät. Was noch gut ist, ist die Aufzeichnung der Strecken, die ich dann vergleichen kann. Ich vergleiche meine Trainingszeiten auf meiner Hausstrecke und die Intervalltrainingseinheiten und analysiere die Wettkämpfe. Ich geb auch gerne meine Daten an andere weiter. Ich habe ein öffentliches Movescount-Profil, wo jeder Interessierte nachschauen kann, wie ich trainiere. Ich habe da keine Geheimnisse. (lacht) Da kann man dann auch sehen, dass ich heuer 160.000 Höhenmeter gemacht habe. Es sind für mich auch die Vergleiche mit den Jahren vorher interessant, und mit so einem Gerät - wie es eben die Suunto Ambit ist - geht das eben sehr gut.

Tourenwelt: Armin, vielen Dank für das Interview und für deine Zeit.

Das Gespräch mit Armin Neurauter führte Christof Simon.

weiterführende Links

Blog von Armin Neurauter: http://arminneurauter.blogspot.co.at/
Homepage Gasthof Marlstein: www.marlstein.com
Movescount-Profil von Armin Neurauter mit allen Trainingsdaten:
Armin Neurauter's Moves verfolgen

Hat dir das Interview gefallen? Hast du noch eine Frage an Armin Neurauter? Wir freuen uns auf deine Kommentare.

Kommentare

#1
von Markus J. am 25.04.2014
Super Interview! Sehr informativ und toll zusammengestellt! :)
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