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Lawinenairbags: Was bringen sie wirklich - eine neue Studie mit überraschenden Erkenntnissen

Kategorie: Aktuelles | eingetragen am 24. November 2014 von Christof Simon

Pascal Haegeli ist kanadischer Lawinenforscher mit schweizer Wurzeln. Er arbeitet und forscht an der Simon Fraser University in Vancouver

Pascal Haegeli ist kanadischer Lawinenforscher mit schweizer Wurzeln. Er arbeitet und forscht an der Simon Fraser University in Vancouver.

Der Lawinenairbag zählt unter Skitourengehern und Freeridern inzwischen schon fast zu Standard-Sicherheitsausrüstung. Die Hersteller werben mit hohen Prozentzahlen, die verdeutlichen, wie besonders gut die Überlebenschancen mit einem Lawinenairbag sind. Aber ist das tatsächlich so, oder ist das nur Marketinggeschwätz? Sind die teuren Lawinenairbags eine wirkliche Investition in die Sicherheit? Eine neue Studie will Licht ins Dunkel bringen und fördert überraschende Erkenntnisse zutage.

Die Fragestellung

Die bisherigen Studien zu Wirksamkeit des Lawinenairbags sind entweder schon betagt oder lassen sich nicht gut miteinander vergleichen. Pascal Haegeli, ein kanadischer Lawinenforscher mit Schweizer Wurzeln, hat mit seinem Team und mit aktuellen Daten einen neuen Versuch gestartet. Er veröffentlichte heuer im Journal Resuscitation den Artikel "The effectiveness of avalanche airbags". Haegeli arbeitet an der Simon Fraser University in Vancouver, wo er an Lawinensicherheitsthemen mit einem interdisziplinären Ansatz forscht. Für ihn und seinen Mitautoren waren folgende zwei Fragestellungen am wichtigsten:

1) Wie beeinflusst die Benutzung eines Lawinenairbags die Sterbewahrscheinlichkeit bei einer ernsthaften Lawinenerfassung?

2) Welcher Anteil von Lawinentoten könnten bei verbreitetem Gebrauch von Lawinenairbags verhindert werden?

Zunächst ist es - wie bei jeder Studie - wichtig zu wissen, welcher Datensatz zugrunde liegt und wie die Berechnung genau erfolgt. Mehr Details dazu gibt es in dem lesenswerten Artikel "Die Wirksamkeit des Lawinenairbags" von Pascal Haegeli, "Berg und Steigen" 3/14, Seite 94 ff. Der Autor geht dort im Detail auf die einzelnen Messgrößen ein. Hier ein kurzer Überblick:

Für die Studie herangezogen wurden Lawinenunfälle, bei denen mindestens eine Person mit Lawinenairbag involviert war. Es wurden nur Unfälle miteinbezogen, bei denen die Lawine von der Größe her das Potenzial einer Ganzverschüttung hatte und das Lawinenopfer tatsächlich mit der Lawine mitgerissen wurde. Außerdem wurde eine Reihe von Faktoren in die Berechnung miteinbezogen, die die Sterblichkeit bei Lawinenunfällen beeinflussen. Die Studie konnte auf geografisch breit gefächerte Daten zurückgreifen. Es wurden Lawinenunfälle aus Kanada, aus Frankreich, aus der Slowakei, aus Norwegen, aus der Schweiz und aus den USA berücksichtigt.

Die Erkenntnisse

Aber jetzt zu den Erkenntnissen, die die Autoren aus ihrer Studio gewonnen haben:

Kontrollgruppe ohne Lawinenairbag

Behandlungsgruppe mit Lawinenairbag

 

Bei 100 Opfern, die in einen ernsthaften Lawinenunfall verwickelt sind, starben ohne Lawinenairbag 22 Personen. Mit aufgeblasenem Lawinenairbag sind es statistisch nur 11. Mit dem Einsatz eines Lawinenairbags lässt sich die Anzahl der Lawinentoten um die Hälfte reduzieren. Obwohl das eine signifikante Zahl ist, ist sie dennoch deutlich geringer als bisher angenommen. Die Sterblichkeitsrate ist mit Airbag-Benutzern mit 11% deutlich höher als bei älteren Studien, zum Beispiel der Studie von Brugger et al., 2007. Hier lag die Sterblichkeitsrate bei nur 3%.

Bei diesen 11% geht man allerding davon aus, dass der Lawinenairbag aufgeblasen war. Ein ernsthaftes Problem ist es aber - und das zeigen fast alle Studien zu dem Thema - dass die Rate von nicht aufgeblasenen Airbags sehr hoch ist. Rechnet man diesen Wert in die Statistik ein, dann reduziert sich Sterblichkeitsrate von von 22% (ohne Airbag) auf nur mehr 13% (mit Airbag), anstatt 11%.
Die Hauptgründ für nicht aufgeblasene Lawinenairbags liegen eindeutig bei der fehlenden Aktivierung durch den Benutzer (60%). Wartungsbedingte Fehler (12%), Gerätefehler (17%) oder durch den Lawinenabgang zerstörte Airbags (12%) machen einen relativ geringen Prozentsatz aus.

Damit Lawinenairbags ihre vollen Nutzen ausspielen können, darf man sich nicht zu höherer Risikobereitschaft hinreißen lassen. Der Sicherheitsgewinn wäre dann schnell wieder verpufft.

Wer sich jetzt genauer mit der Studie, ihren Erkenntnissen und ihren Grenzen befassen möchte, hier nochmals der Hinweis auf den Artikel "Die Wirksamkeit des Lawinenairbags" aus Berg und Steigen 3/14, Seite 94 ff. Wir möchten an dieser Stelle auch noch mal den Aufruf der Studienautoren weiterleiten, dass es wichtig ist, Lawinenunfälle konsequent an die lokalen Lawinenwarndienste zu melden. Nur so werden auch in Zukunft genau Studien möglich sein, deren Erkenntnisse die Sicherheit auf Tour verbessern. Beim Lawinenwarndienst Tirol gibt es ein eigenes Formular zur Rückmeldung bei Lawinenunfällen oder Lawinenbeobachtungen.

Fazit aus der Studie

Lawinenairbags können die Sicherheit erhöhen, allerdings nicht in dem Maße, wie das bis jetzt angenommen wurde. Besonders wenn der Airbag nicht ausgelöst wurde - was sehr häufig passiert - oder mehr Risiko eingegangen wird, ist der Sicherheitsvorteil schnell zunichte. In Zukunft wird man bei Übungen oder in der Ausbildung verstärkt auf das Auslöseprozedere bei Lawinenairbags Rücksicht nehmen müssen. Nur so kann der Nutzen dieses teuren Sicherheitsproduktes optimiert werden.

Wie siehst du Erkenntnisse aus dieser Studie. Wundern dich die Ergebnisse oder hast du schon so etwas vermutet? Relativiert für dich diese Studie, die Wirksamkeit von Lawinenairbags? Wir freuen uns auf deinen Kommentar.

Kommentare

#1
von christian H. am 18.02.2015
11 zu 22 oder 110 zu 55 Auf 110 Tote ohne ABS kommen 55 Tote mit ABS ? Also haben 55 mehr Leute mit ABS überlebt. Was würde einer sagen der zu den 55 Überlebenden gehört? Tragen oder nicht tragen ? Gruß Christian
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